Mythische Dimension im Bewußtsein des Menschen

Die transilvanischen Alpen, wie damals die Karpaten von westlichen Geographen genannt wurden, sind nicht nur die dominierende Gestalt des Landes, sie waren auch die Wiege des rumänischen Volkes. Sie haben eine mythische Dimension im Bewußtsein des Menschen, und neben ihrer wirtschaftlichen und geographischen Bedeutung, prägen sie den Aufbau des kulturellen Profils des Landes. Aus der Vogelperspektive betrachtet, breiten sich die Karpaten wie die Umrisse eines riesigen Gehirns über die Erde aus. Jedes dieser Gebirge ist durch tiefe und breite Täler in mehrere Massive unterteilt. Felswände und Wälder, Seen und Klüfte wechseln sich ab, machen Platz und jagen sich, als ob die Natur sich der Laune eines Gottes beugen mußte, der selbst nicht wusste, ob er lieber Architekt oder Landschaftsmaler sein wollte.

Die Karpaten kommen aus dem Norden, aus der Ukraine, sie erstrecken sich nach Süden, bis in das Landeszentrum ( Carpatii Orientali / Ostkarpaten), hier laufen sie rechtwinkelig nach Westen ( Carpatii Meridionali/Südkarpaten) und verlassen Rumänien am Eisernen Tor nach Jugoslawien, wo sie ins Balkangebirge übergehen. Zwischen diesen zwei Ketten befinden sich im Westen die etwas kleinere Gebirge, die Westkarpaten ( Muntii Apuseni).

 

Der höchste Berggipfel: Moldoveanu (Südkarpaten): 2544 m. Die durchschnittliche Höhe der Karpaten liegt in Rumänien zwischen 1500 und 2000m. In Mitten des Berges befinden sich Täler, welche für Tiere, Pflanzen, und Menschen und ihrer Entwicklung eine geborgene Umgebung bieten. Solche Täler sind auch im Norden, mitten im Rodneigebirge zu finden. Auf einer Seite(Westen) fließen Isa und Borsa, auf der anderen Seite Dorna und Moldova. Sie bilden die Umgebung für zwei der originellsten und interessantesten Regionen Rumäniens: Maramures und Bukowina. Weiter im Süden teilen die Ostkarpaten sich und lassen in der Mitte Platz für drei Tiefebenen, die zwar ein frostiges Klima haben (die kälteste Region des Landes), aber wegen der zahlreichen Wiesen und Flüsse durchaus für einespezifische Landwirtschaft geeignet sind. In diesen Tälern haben sich die Stämme der Szekler niedergelassen über die wir später berichten werden.

 

Die westliche Seite der Ostkarpaten, deren Massive sich fast bis ins Herz Transilvaniens erstrecken, sind alte Vulkane - längst nicht mehr aktiv, aus deren Tiefen aber noch zahlreiche Quellen von Mineral- und Thermalwasserentspringen. Dies ist der Grund, warum in dieser Umgebung zahlreiche Kurorte entstanden sind.

Der andere Teil der Ostkarpaten ist von drei Flüssen durchzogen (Moldova, Bistrita, Oituz), die ihn in drei Massive teilen: das Rodnei -, Vrancei - und Calimangebirge. Im Caliman befindet sich ein Gipfel, Ceahlaul, der dasSymbol Moldawiens ist. Die Legende besagt, dass dieses der geheimnisvolle und heilige Ort der Dazier war, in dem sich einst die Höhle ihres Hauptgottes Zamolxes befand. Im Zentrum des Landes angekommen, winkeln sich die Gebirge plötzlich mit fast 90° ab und laufen in einer Pfeilspitze, die nach Südosten zeigt zusammen. In einer Tiefe von etwa 150 -200 km treffen die tektonischenPlatten Neu-Europas und Eurasiens aufeinander. Dadurch ist das Gebiet zeitweise tektonisch aktiv und Erdbeben gefährdet (die letzten Beben 1940, dann 1977).

 

An jenem Ort an dem die Karpaten ihre Richtung ändern und vom Nord-Südgefälle in ein Ost-Westgefälle wenden, befindet sich das Bârsei Land, in dessen Mitte sich Kronstadt (Brasov) entwickelte - das wichtigsteZentrum der Sachsen in Transilvanien für mehr als 750 Jahre. Nach dem Prachovatal beginnen die Südkarpaten. Das erste Massiv ist Bucegi, ein beliebtes Ziel für Wanderer und Kletterer. Tortz steiler Felsen ringsum, bildete sich inmitten des Massivs ein Hochplateau auf etwa 2000 m Höhe,welches den Reiz der Höhe auch für einen Spaziergänger erreichbar macht. Den höchsten Bergen Rumäniens liegt das Argestal zu Füßen: die Fagarasberge, mit mehreren Gipfeln über 2500 m.

Hier befinden sich noch einige unberührte Gletscherseen (Bîlea ). Der Olt unterteilt das nächste Massiv, dasParînggebirge, in dessen Mitte der Lotru ein Becken bildet. Nach ihm entsprigt der Jiu-Fluss, dessen Tal die Abgrenzung bildet zum Retezatgebirge, in dem die größten Kohlevorkommen auf rumänischem Boden liegen. Das Gebirge rundum das Tal ist ein Naturschutzgebiet, da seltene Pflanzen- und Tierarten dort einen letzten Zufluchtsort gefunden haben.

Letztendlich erstrecken sich der Mehedinti und Semenic bis an das Donautal. Die Donau bahnt sich ihren Weg in einer tiefen Schlucht, das Eiserne Tor, durch die Karpaten. In den Sechzigern des letzten Jahrhunderts wurde hierein grosses Wasserwerk errichtet mit einem gewaltigen Stausee, welcher den direkten Zugang zum Schwarzen Meer für Schiffe auf der oberen Donau ermöglichte. Im Norden des Retezatgebirges, bis zum breiten Murestal liegt das Hategland. In Dieser Umgebung war die gesamte Verwaltung Daziens akkumuliert, mit seiner Hauptstadt Sarmisegetuza. Im Norden, jenseits des

 

Murestals erheben sich die Westkarpaten. Diese Berge sind zwar nicht allzu hoch, aber reich anMineralien und mit vielen Tropfsteinhöhlen durchzogen. Dort befanden sich im 18. Jahrhundert auch die Goldminen, die "Schatzkammer" der Donaumonarchie. Im Norden der Westkarpaten breitet sich das Somestal auf mehreren zig Kilometern aus, in dessen Inneren die HauptstadtTransilvaniens, Cluj, liegt. Im Norden des Somestals schliesst sich der Kreis wieder im Rodneigebirge.