Die Stadt der Weißen Nächte feiert

Der "russische Zar" gibt ein deutliches Lebenszeichen

Als vor 300 Jahren der rein westeuropäisch orientierte visionäre Zar Peter der Grosse – in den Geschichtsbüchern statistischer Genealogie Peter der Erste – von Zehntausenden wie die Ameisen werkenden Leibeigenen und Zwangarbeitern unter unsäglichen Opfern und ebenfalls in die Tausende gehenden Toten seinen Traum St.Petersburg aus dem malariaverseuchten Sümpfen an der Newa herausstampfen ließ, konnte er trotz aller seiner Visionen damals in keiner Weise ahnen, dass 300 Jahre später alle Staatsoberhäupter eines Vereinten Europas zusammen mit jenen, die dieses Amt gerade aktuell anstreben, in einem bombastischen Jubiläum seiner charismatischen Persönlichkeit huldigen und ehrfurchtsvoll dieser Grundsteinlegung zu einem gegenwärtigen 5 Millionen Moloch gedenken sollten.

 

St. Petersburg, die „Stadt der Weißen Nächte“ in der man zur Mitternachtszeit um Mittsommer herum bequem ohne künstliche Lichtquelle auf der Straße ein Buch oder eine Zeitung lesen kann, wurde immer schon – letztlich nicht nur wegen seiner geografischen Lage – Russlands Fenster nach Europa genannt und teilt sich zusammen mit Kopenhagen, Stockholm und Helsinki die ehrenvolle Bezeichnung „Venedig des Nordens“.

 

Nun ist diese Perle an der Newa und am finnischen Busen der Ostsee also 300 Jahre alt geworden. Präsident Putin, selbst ein Petersburger, der in Moskau nie ein Hehl daraus macht, dass die Rolle der Hauptstadt wieder an das kurzfristig in der sowjetischen Zeit Leningrad genannte Petersburg zurückgefallen und die alte Rolle unter Zar Peter wieder einnehmen sollte, hatte zu einem Gipfel der Staatsoberhäupter eingeladen, um gemeinsam mit Europa dieses Jubiläum mit all der Pracht der früheren Zaren in einem politischen und kulturellen Megafest zu feiern und ein kräftiges Lebenszeichen Russlands nach dem internationalen Machtabbau nach Gorbachev und Jelzin, sowohl militärisch wie auch wirtschaftlich bedingt, zu zeigen.

Das Fest wurde unter einem zuvor nie dagewesenen Sicherheitsaufgebot von Miliz und Geheimdienst an der Newa im Bereich der Eremitage (Winterpalais der Zarin "Katharina die Grosse"), im Peterhof (russisches Verseille), im neu renovierten Katharinenpalast mit seinem wiedererstandenen Bernsteinzimmer, in der Isaakskathedrale und im Mariinski-Theater gefeiert.

Den Gästen wurde ein Schauspiel geboten, das sie zeitlebens nicht vergessen werden und das mit einem Tagesfeuerwerk und einer historischen Regatta, die alle Phasen dieser vergangenen 300 Jahre widerspiegelte, abgeschlossen wurde. Die perfekte Choreografie der Putin-Administration hatte auch nicht vergessen, zu guter Letzt auch noch Präsident Bush zu einem Treffen mit Vladimir Putin und zu einem Gespräch über die Lage der Welt und den Irakkrieg zu laden, wobei der Krieg in Nahost, das Palästinenserproblem und unter anderem auch die potentielle atomare Bedrohung durch Nordkorea am Gesprächsprogramm standen.

 

Zeigte sich Präsident Putin gegenüber den geladenen europäischen Gästen zusammen mit dem ehrlichen Charme und der Liebenswürdigkeit seiner Gattin Putina als perfekter und routinierter Gastgeber, der seine Präferenzen gegenüber den staatstragenden Häuptern beim Europagipfel je nach Wichtigkeit und Gewichtigkeit des betreffenden Landes sowohl in Herzlichkeit als auch an Dauer genau dosierte, so wurden seine Züge im Gespräch mit Bush hart, die Gesichtsmimik und Körpersprache signalisierte Stärke und Entschlossenheit und er war darauf Bedacht in Bezug auf Macht und Weltvormachtstellung ebenbürtig zu wirken und er Hegemonie der USA zumindest Paroli zu bieten. Was einen Journalisten veranlasste sich zu der Bemerkung hinreißen zu lassen, er gebärde sich wie ein früherer Zar. Letztlich wurde der Weltpresse jedoch amikales Einverständnis der beiden Supermachtpole vorgespielt und die Differenzen, die wegen des unseligen Kriegsengagements der Vereinigten Staaten im Irak entstanden waren, in einer gemeinsamen versöhnenden Geste ausgeräumt.

Für die Pressekonferenz - Putin, Romano Prodi, Costas Simitis – hatte sich die Schreiberin dieser Zeilen übrigens bereits um 5 Uhr morgens einem Securitycheck des Geheimdienstes unterziehen müssen, bei dem selbst ein Sprengstoffhund zweimal den Inhalt der Fototasche beschnüffelt, um dann neun Stunden in einem isolierten Raum bei Mineral und Kaffee/Tee auf die tatsächliche Konferenz geduldig zu warten: Nach Securitycheck, Hundeschnüffelei und gefangenen ähnlicher Quarantäne an Leib und Gut – die durch Jahrhunderte ausgeübte Beherrschung der Massen durch die Zaren mittels Leibeigenschaft ist offensichtlich auch heute noch nicht gänzlich überwunden – hatte sie ganze sechs Stunden in einem bequemen gepolsterten Konferenzsaalstuhl ausgeharrt, um bei der den Gipfel abschließenden großen Schlußpressekonferenz mit Romano Prodi, Costas Simitis und Vladimir Putin (nur etwas drei Meter entfernt – dem Herrscher aller Russen und Gebieter über ein 800 Millionen Imperium - Aug in Aug gegenübersitzen und auf russischem Boden das Porträtfoto ihres Lebens zu schießen.

Aus der Masse der vielen WeltjournalistInnen war die Journalistin damit von allen, dem Russischen „Zaren“ distanzmäßig am nächsten gekommen. In der Autosuggestion, sechs Stunden lang in einem Ohrenfauteuil gesessen zu sein, hat das lange geduldige Warten schlussendlich sich sehr gelohnt!

 

Die Forderungen, die von den europäischen Staatsoberhäuptern an den Präsidenten herangetragen wurden und deren allmähliche Erfüllung als Bedingung für eine weitere finanzielle und wirtschaftliche Hilfe der europäischen Union für Russland als Voraussetzung gesetzt wurden, waren unisono die Aufhebung der Visapflicht als Anliegen Nummer eins. Bilaterale Visafreiheit sei das wichtigste Postulat im Personenverkehr und Grundvoraussetzung für eine prospektive zukünftige wirtschaftliche Zusammenarbeit, gemeinsamen Handel und frei Reisetätigkeit. Es folgten Aspekte der sicheren Personendokumente und ebenso sicherer Reisewege, Umweltschutzauflagen und Ökologiepostulate wie z.B. die zukunftssicherende technische Nachrüstung der maroden russischen Kernkraftwerke inklusive Tschernobyls und Aufgaben aller nur einfachrümpfigen Fahrzeuge der russischen Öltankerflotte und des internationalen organisierten Verbrechens,

 

Befriedigung Tschetscheniens und damit Sicherheit vor weltweitem Terrorismus und die Lösung der Kaliningradfrage in der Ostsee im Finnischen Meer. Da auch die Präsidenten der neuen Beitrittsländer zu diesem Europagipfel geladen waren, war die Regierung des Kaliningradproblems ein besonderes Anliegen der Staatsoberhäupter von Estland, Lettland und Litauen, die von ihren zukünftigen Kollegen in der Union massive Schützenhilfe erheilten. Dieses Problem ist vorläufig für das Russland Putins noch ein Wunder Punkt an der Schmerzgrenze, geht es letztlich doch auch um eine endgültige völkerrechtliche Anerkennung der drei selbständigen baltischen Staaten, in denen Russland noch weitgehend abtrünningeTerritorien ehemaliger Sowjetprovinzen sieht, gleichsam einem tiefgehenden langen Dorn im weich geworden „Fell des russischen Bären“.

Die perfekte Gastgeberschaft Putins und sein in der festlichen Atmosphäre des 300 Jahrhundert Jubiläums seiner Geburtsstadt ehrlich zur Schau getragener persönlicher Charme und die Liebenswürdigkeit der Putina gegenüber den Gästen bei den offiziellen Feierlichkeiten, konnten jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass der neue moderne Zar zwar Verhandlungsbereitschaft und Verständnis für die westlichen Forderungen in Bezug auf weitere zukünftige Wirtschaftshilfe und massive Finanzspritzen für die marode am Boden liegende russische Wirtschaft zeigt, im Prinzip aber allein schon aus Prestige- und Anerkennungsgründen nicht bereit ist, die massiven Forderungen der EU schon in naher Zeit zu erfüllen.

 

In der engeren Zukunft haben zumindest der Aspekt des sicheren visafreien Personenverkehrs reelle Chancen einer Lösung – Putin signalisierte in Bezug auf diesen Punkt gleich mehrmals zu verschiedenen Präsidenten Einsicht und Zugeständniswillen, wenngleich es wahrscheinlich noch einige Jahre bis dahin dauern wird – eine bessere Sicherung der Atomkraftwerke (natürlich mit westlichem Geld) sowie eine Umrüstung der Tankerflotte auf zweimantelige Fahrzeuge, da der Druck der skandinavischen und der baltischen Länder hier aus gegebenen Anlaß einfach zu stark ist und auch offen mit (wirtschaftlichen ) Sanktionen von Schweden, Dänemark, Norwegen und vor allem aber Finnland gedroht wurde.

 

Fazit: Für uns war diese Einladung nach Rußland - als einzige zwei österreichische Journalisten, den Feierlichkeiten in St. Petersburg beizuwohnen - ein Privileg der SONDERKLASSE - über das wir noch heute voller Stolz und gerne erzählen!

Leider hatten wir aufgrund der vielen Pressekonferenzen, Empfänge usw. nur kurz Zeit, die zweitgrößte Stadt Rußlands zu besichtigen - aber wir wollen dies unbedingt so bald als möglich nachholen!

St. Petersburg: Geschichtliches und Sehenswertes

Um eine Stadt zu errichten, suchte sich Zar Peter I. einen Ort am Delta des Neva Flußes als strategisch vielversprehend aus, um Rußland gegenüber der Ostsee zu verstärken. Peter zeigte dabei auf eine kleine Insel an der Flußmündung, wo es nötig war, eine Festung zu bauen. Sie wurde 1703 fertiggestellt.

In der Proklamation vom September 1704 erklärte Zar Peter I. die Stadt als neue Hauptstadt; sie blieb als Hauptstadt Rußlands bis 1918; in den Kriegsjahren wurde Leningrad von Bomben getroffen, über 3000 Gebäude oder Denkmäler zerstört und weitere 7000 beschädigt.

 

In den 310 Jahren ihrer Geschichte hat die Stadt ihren Namen dreimal geändert. 1914 wurde der Name St. Petersburg durch den russischen Namen Petrograd ersetzt. 1924 nach dem Tod Lenin wurde sie in Leningrad umbenannt und 1991 bekam sie wieder den Namen St. Petersburg (Volksabstimmung).  St. Petersburg, auch Venedig des Nordens genannt,  ist die zweitgrößte Stadt Rußlands und die fünftgrößte Europas. 

 

Sympol der Stadt sind die zauberhaften weißen Nächte im Mai. Ein leichter unhörbarer Nebel - als ob er aus Glas wäre - bezeugt die Tageszeit; man kann dh. während der Nacht als auch am Tag durch die Stadt flanieren.

Sehenswertes in St. Petersburg

Die Spitze der Wasilevsky Insel, die Peter und Paul Festung, Hauptplatz der Stadt - der Palastplatz, die Alexandersäule, die Admiralität, der Bronze Reiter, die Isaak Kathedrale, der Sommergarten, die Kazan Kathedrale, das Mikhailovsky Schloß oder die Anichkov Brücke.

 

Vororte von St. Petersburg

Peterhof, die Residenz Tsarskoye selo, das Ensemble von Palast und Park - Pavlovsk, Oranienbaum (war Hauptstadt des russischen Porzellans), die Vorstadt von St. Petersburg Gatchina, Kronstadt (fast gleichzeitig mit St. Petersburg erbaut).

 

Museen

Staatliche Eremitage (älteste und größte Museum der Welt), Kirche des Erlösers Auf dem Blute (Museum der russischen Mosaikkunst), das staatliche russische Museum, das einzige Adelshaus Yusupov Palast, Museum der Völkerkunde, das Museum der Artillerie, des Ingenieurwesens und der Fernmeldetruppen, der Kreuzer Aurora - als Revolutionsschiff bekannt.

 

Theater

Mariinsky Theater, das meist besuchte Opernhaus, Mikhailovsky Theater, Eremitage Theater (Palasttheater), die älteste philharmonische Halle - die Philharmonische Halle von D.D. Schostakowitsch, der Konservatorium, die Akademiekapelle von M.I. Glinka - ist eine der besten der Welt auf der Basis seiner akkustishen Beschaffenheit.

Feierliche Feste: der strahlendste Feiertag von St.Petersburg ist der Geburtstag der Stadt, die in den letzten Tag des Monats Mai durch Jahrmärkte, Motorradparaden, Konzerte und andere Feierlichkeiten gefeiert wird.  Mitte Juni Scharlachrote Segel, das Neue Jahr, der Tag der Meeresstreitkräfte - eine Parade von Schiffen, der Internationale Tag der Frauen am 23.Feber und Verteidiger des Vaterlandes; jährlich von Dezember bis Januar das Internationale Winterfest Platz der Kunst und Mitte Feber bis März im Park der Jelagin INsel das Festival Sei laut, Fastnachtswoche.

  

 

Noch ein paar russische Wörter 

Troika

Drei

 

Datscha

Wochenend-/Landhaus

 

Steppe

Steppe

 

Matrjoschka

Matrjoschka

 

Sputnik

Begleiter, (Reise)Gefährte, Satellit

 

Pogrom

Vernichtung, Gemetzel

 

Bolschewik

Mehrheitler

 

Perestroika

Umstrukturierung, Umgestaltung

 

Kolchos

landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft

 

 

fotocredit: ifpa/st.petersburgtourismus